Einleitung:
Watchman Nee benützt in diesem Buch als Erklärungsmodell eine Dreiteilung des Menschen in Geist, Seele und Leib. Die Bibel zieht keine so scharf getrennte Linie zwischen Geist und Seele. Vielmehr unterscheidet Gottes Wort den materiellen Teil des Menschen (Fleisch, Leib = Soma, Sarx) und den immateriellen Teil (Seele, Geist = Psyche, Pneuma). Im Blick auf diesen einen immateriellen Teil (inneren Teil) des Menschen spricht die Bibel von Geist, Seele, ja auch vom Herzen und Gewissen, wobei die Worte oft auswechselbar sind, dies aber nicht in jedem Falle. Die Grenzen sind fließend. Im wesentlichen spricht das neue Testament dann von der Seele (Psyche), wenn es um Beziehungen des inwendigen Menschen zu sich selbst, dem Mitmenschen oder Umwelt geht. Wenn es um die Beziehung des inneren Menschen zu Gott geht, also die gottwärts gerichtete Seite, wird das Wort »Geist« (Pneuma) gebraucht. Das Eigenschaftswort seelisch bezeichnet in diesem Buch jene richtigen, guten und natürlichen Eigenschaften, Aufgaben und Ausdrucksweisen der menschlichen Seele, die der Schöpfer von Anfang an in die Seele hineingelegt hat. Wo das Wort »seelisch« in Anführungsstriche gesetzt ist, beschreibt es den Menschen, der so vom seelischen Teil seines Seins beherrscht ist, daß sein ganzes Leben das Gepräge und das Wesen der Seele annimmt.
Vorwort
Dem Herrn, dem ich diene, sage ich von Herzen Dank, daß er mir erlaubte, dieses Buch zu schreiben. Ich hatte immer gehofft, daß ein Befähigterer diese Arbeit übernehmen würde. Aber es gefiel dem Herrn, mich damit zu beauftragen. Hätte ich wählen können, so wäre ich wohl der letzte gewesen, der dies geschrieben hätte, denn ich hatte nicht den Wunsch, solch ein Buch zu verfassen. Mein Zögern lag nicht darin begründet, daß ich mich von dieser Pflicht zurückziehen wollte, sondern vielmehr im Wissen, daß ein Buch, das den Weg des geistlichen Lebens und die Probleme des geistlichen Kampfes behandelt, gewiß die Möglichkeiten eines Menschen übersteigt, der den Herrn noch nicht einmal zehn Jahre lang kennt. Die Bibel erlaubt einem Gläubigen, von seinen Erfahrungen zu berichten; ja, der Heilige Geist leitet ihn sogar an, dies zu tun, wieviel besser freilich, wenn solche Erfahrungen wie »entrückt in den dritten Himmel« nach »vierzehn Jahren« erwähnt werden. Nun habe ich zwar keine »Dritte-Himmel«-Erfahrung, noch habe ich eine große Offenbarung empfangen, aber ich konnte durch des Herrn Gnade lernen, ihm in den kleinen täglichen Dingen zu folgen. Ich unternehme deshalb den Versuch, den Kindern Gottes das weiterzugeben, was ich während dieser Jahre vom Herrn empfangen habe.
Vor ungefähr vier Jahren sah ich die Notwendigkeit, dieses Buch zu schreiben. Damals erholte ich mich von einer Krankheit in einer kleinen Hütte am Fluß, betete und las das Wort Gottes. Ich erkannte das dringende Bedürfnis nach einem Buch, das gegründet auf das Wort Gottes und auf die Erfahrung, den Gotteskindern ein klares Verständnis des geistlichen Lebens vermitteln könnte, um sie weiterzuführen und sie davor zu bewahren, im Dunkeln zu tappen. Damals wurde mir bewußt, daß mich der Herr beauftragte, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich begann die Kapitel zu ordnen, die die Unterscheidung von Geist, Seele und Leib behandeln, und ebenso den ersten Teil des Kapitels, das sich mit dem Seelenleben befaßt. Ich gab aber das Schreiben bald wieder auf, wurde doch meine Zeit von vielen Aufgaben in Anspruch genommen. Das war aber nicht der Hauptgrund, denn zum Schreiben hätte ich trotzdem ab und zu Gelegenheit gehabt. Wenn ich die Feder zur Seite legte, so deshalb, weil noch manche Wahrheit niederzuschreiben war, die ich bis zu jenem Zeitpunkt noch nicht völlig durch eigene Erfahrung bestätigen konnte. Ich wußte, daß dieser Mangel den Wert und auch die Kraft dieses Buches vermindern würde. So zog ich es vor, zunächst in der Schule Gottes zu lernen und seine Wahrheiten in der Erfahrung zu erproben. Was ich dann schreiben würde, wären dann geistliche Realitäten und nicht nur geistliche Theorien. Darum wurde die Arbeit drei Jahre aufgeschoben.
Ich darf wohl sagen, daß mich dieses Buch während dieser drei Jahre trotzdem ständig innerlich beschäftigte. Obschon einige denken mochten, daß die Veröffentlichung dieser Arbeit längst überfällig war, so konnte ich doch klar des Herrn Hand über dem Ganzen sehen. In den wenigen Jahren haben die in diesem Buch enthaltenen Wahrheiten, besonders jene im letzten Band, viele aus der Macht der Finsternis befreit, was beweist, daß wir an geistliche Realitäten gerührt haben. Durch die besondere Gnade des Herrn konnte ich die Erlösungsabsichten Gottes besser verstehen, die er dadurch verfolgt, daß er die alte Schöpfung von der neuen trennt. Dafür sage ich dem Herrn Dank. Er schenkte mir auch während meiner verschiedenen Reisen Gelegenheit zu Begegnungen mit vielen seiner Auserwählten, was meine geistliche Schau, Erkenntnis und Erfahrung förderte. In den Kontakten mit den Leuten zeigte mir der Herr nicht nur, worin der wahre Mangel unter seinen Kindern besteht, sondern auch die in seinem Wort geoffenbarte Abhilfe. Ich möchte daher meinen Lesern sagen, daß dies ein Handbuch für das geistliche Leben ist, dessen Inhalt lebensmäßig erprobt werden kann.
Aufgrund meiner besonderen Erfahrungen, die ich in diesen wenigen Jahren machte, wurde mir nicht nur größere Erkenntnis über die Wirklichkeit der Ewigkeit zuteil, sondern gleicherweise auch über die große Schuld, die ich der Gemeinde Gottes gegenüber abzutragen habe. So hoffte ich, dieses Buch in kurzer Zeit fertigzustellen. Ich danke Gott, dem Vater, und einigen meiner Freunde im Herrn, daß ich an einem stillen Ort ruhen und schreiben konnte. In wenigen Monaten hatte ich die ersten vier Hauptabschnitte abgeschlossen. Wenn ich auch die anderen Teile noch nicht begonnen habe, so bin ich doch sicher, daß Gott, der Vater, zur rechten Zeit die nötige Gnade dazu schenken wird.
Da dieser Band nun bald herauskommen wird, und die anderen ihm bald folgen werden, so will ich offen bekennen, daß es nicht leicht war, diese Wahrheiten zu lernen; sie niederzuschreiben war noch schwerer. Ich kann schon sagen, daß ich zwei Monate lang täglich Satans Angriffe zu spüren bekam. Welch ein Kampf! Wie mußte ich Widerstand leisten! Ich mußte all meine Kräfte des Geistes, der Seele und des Leibes aufbieten, um mich gegen die Hölle zu behaupten. Diese Kämpfe sind nun vorübergehend unterbrochen, aber es sind noch weitere Kapitel zu schreiben. Wenn du wie Moses auf dem Berge bist, dann vergiß bitte Josua unten im Tal nicht. Ich weiß, daß der Feind dieses Werk zutiefst haßt. Er wird alle Mittel einsetzen, um es den Menschen vorzuenthalten und sie am Lesen zu hindern. Oh, laß dies doch dem Feind nicht gelingen!
Dieses Buch, das aus drei Bänden bestehen wird, ist nicht in der Form einer Predigt oder Auslegung geschrieben. Obschon sich alle Bände mit dem geistlichen Leben und Kampf befassen, liegt bei einigen Kapiteln der Nachdruck mehr auf dem geistlichen Leben, bei anderen mehr auf dem geistlichen Kampf. Das Buch als Ganzes ist so gestaltet, daß es als Leitfaden dienen kann. Die Betonung liegt deshalb auf dem Glaubensweg und nicht auf der Glaubensentscheidung. Mögen alle, deren Herzen sich nach ihrem Herrn sehnen, darin Hilfe finden.
Ich bin mir wohl bewußt, daß das geistliche Leben der Leser dieses Buches sehr verschieden sein kann. Wenn du also auf schwer verständliche Punkte stoßen solltest, dann lehne sie bitte nicht ab und versuche sie auch nicht mit dem Verstand zu ergründen. Solche Wahrheiten sollten für später zurückgestellt werden. Wenn du diesen schwierigen Abschnitt später wieder liest (vielleicht nach zwei Wochen oder einem ganzen Monat), dann vermagst du ihn möglicherweise schon besser zu erfassen. Dieses Buch hat es durchgängig mit dem geistlichen Leben als einer Erfahrung zu tun. Anders kann es nicht verstanden werden. Was am Anfang »ungenießbar« scheinen mag, kann später äußerst wertvoll werden. Du wirst es verstehen, wenn du die nötige geistliche Stufe erreicht hast. Ist es aber nötig, bis dahin zu warten, um alles zu verstehen? Wenn ja, wozu soll dann dieses Buch nützlich sein? Die geistliche Erfahrung eines Gläubigen ist von einem großen Geheimnis umgeben. Der Herr gibt uns immer zuerst einen Vorgeschmack eines tieferen Lebens, ehe er es uns völlig zur Erfahrung werden läßt. Manche Gläubige verwechseln den Vorgeschmack mit der Fülle und erkennen nicht, daß der Herr eben erst damit angefangen hat, sie zu führen. Was in diesem Buch gelehrt wird, kommt dem Bedürfnis derer entgegen, die gerade erst geschmeckt, aber noch nicht getrunken haben.
Vor etwas aber müssen wir uns hüten: wir sollten die Erkenntnis, die wir aus diesem Buch gewonnen haben, nie als Hilfe benutzen, uns selbst zu analysieren. Wenn wir in Gottes Licht das Licht erkennen, dann begreifen wir uns, ohne unsere Freiheit in Christo zu verlieren. Wenn wir uns aber den ganzen Tag analysieren und unsere Gedanken und Gefühle zerlegen, dann hindert uns das daran, uns in Christus zu verlieren. Der Gläubige kann sich nur dann selbst erkennen, wenn er die Erkenntnis von Gott selbst hat. Selbstanalyse und Selbstbewußtsein sind für das geistliche Leben schädlich.
Es wäre gut, über Gottes Erlösungsplan nachzudenken. Gottes Absicht besteht darin, uns durch das neue Leben, das er uns bei der Wiedergeburt schenkte, von der Sünde, vom Natürlichen und Übernatürlichen, d.h. von den satanischen, bösen Kräften in der unsichtbaren Welt zu erlösen. Diese drei Erlösungsstufen sind notwendig, wir können keine umgehen. Sobald ein Gläubiger Gottes Erlösungswerk beschränkt, erreicht er Gottes Ziel nicht. Das natürliche Leben (das gute Ich) und der übernatürliche Feind müssen überwunden werden. Es ist sicher gut, die Sünde zu überwinden, aber das Werk ist nicht getan, solange das widerspenstige Ich und der übernatürliche Feind unbesiegt bleiben. Das Kreuz vermag uns diesen Sieg zu schenken. Ich hoffe, diese Fragen durch Gottes Gnade genügend klar behandeln zu können.
Außer dem letzten Teil des dritten Bandes, der sich mit dem Leiblichen befassen wird, kann dieses Buch als biblische Psychologie betrachtet werden. Wir gründen alles auf die Bibel und können es durch die geistliche Erfahrung bestätigen. Durch das Studium des Wortes und durch die Erfahrung lernen wir, daß für jede geistliche Erfahrung (z. B. die Wiedergeburt) eine besondere Veränderung in unserem inneren Menschen stattfindet. Wir schließen, daß die Bibel den Menschen dreigeteilt sieht: Geist, Seele und Leib. Zudem werden wir gewahr, wie verschieden die Funktionen und Bereiche dieser drei Teile sind, ganz besonders von Geist und Seele. In diesem Zusammenhang ist es nötig, über den ersten Teil des ersten Bandes ein paar Worte zu sagen. Die Unterscheidung von Geist und Seele sowie der Unterschied in ihren Funktionen, sind unerläßliche Erkenntnisse für alle, die geistlich wachsen wollen. Erst nachdem wir wissen, was der Geist und was geistlich ist, können wir in Übereinstimmung mit dem Geist leben. Da aber ein großer Mangel in der Unterweisung dieser Erkenntnis besteht, will ich dies ausführlich zu erklären versuchen. Gläubigen, die bereits eine gewisse Grundlage haben, wird dieser erste Teil keine Schwierigkeiten bereiten; jene aber, die mit diesem Gedankengut nicht vertraut sind, sollen sich nur die Schlußfolgerungen merken und dann zum zweiten Teil übergehen. Der erste Teil befaßt sich also nicht so sehr mit dem geistlichen Leben, er vermittelt vielmehr eine gewisse Erkenntnis, die für das geistliche Leben grundlegend ist. Dieser Teil wird vielleicht noch besser verstanden, wenn man ihn nach dem Studium des ganzen Buches erneut liest.
Ich bin nicht der erste, der die Unterscheidung zwischen Geist und Seele lehrt. Andrew Murray sagte einmal, die Gemeinde und die einzelnen Menschen müßten sich vor der ungehemmten Aktivität der Seele mit ihrer Kraft des Verstandes und des Willens hüten. F. B. Meyer erklärte, daß er sich ohne die Trennung von Geist und Seele sein eigenes geistliches Leben nicht hätte vorstellen können. Viele andere, wie z.B. Otto Stockmayer, Jessie Penn-Lewis, Evan Roberts und Madame Guyon, haben das auch bezeugt. Ich habe von ihrem Schrifttum reichlich Gebrauch gemacht, da wir ja vom Herrn alle den gleichen Auftrag empfangen haben. Ich habe mich daher entschlossen, im allgemeinen auf Quellenhinweisezu verzichten.
Dieses Buch ist nicht nur für Gläubige gedacht, es soll auch jenen helfen, die im Dienst des Herrn jünger sind als ich. Da wir für das geistliche Leben anderer verantwortlich sind, sollten wir wissen, aus was wir sie heraus und in was sie hineinführen. Wenn wir den Menschen helfen, nicht mehr in der Sünde zu leben und für ihren Herrn zu eifern › ist das dann alles, was der Herr von uns verlangt? Oder gibt es mehr? Ich persönlich glaube, daß die Bibel mit aller Deutlichkeit dazu Stellung nimmt. Gottes Absicht ist es, seine Kinder völlig von der alten Schöpfung zu erlösen und in die neue Schöpfung eingehen zu lassen. Es spielt keine Rolle, wie sehr die alte Schöpfung dem Menschen gefallen mag › Gott hat sie verworfen. Wenn wir als Arbeiter Gottes wissen, was zerstört und was gebaut werden soll, dann sind wir keine blinden Blindenführer.
Die Wiedergeburt › Gottes Leben empfangen › ist der Ausgangspunkt allen geistlichen Lebens. Wie unnütz ist es, wenn das Endresultat all unseres Ermahnens, Uberzeugens, Argumentierens, Erklärens und Bemühens nichts anderes als ein vernunftsmäßiges Wissen, eine willensmäßige Entschlossenheit und eine Gemütsbewegung ist. Das hat den Menschen nicht geholfen, Gottes Leben in ihrem Geist zu empfangen. Wenn wir aber erkannt haben, daß die Menschen zuerst Gottes Leben empfangen müssen, dann kann unsere ganze Arbeit drastisch anders werden.
In der Tat wird uns diese Erkenntnis vergegenwärtigen, daß viele, die vorgeben, an den Herrn Jesus zu glauben, nie wirklich geglaubt haben. Tränen, Buße, Reform, Eifer und Anstrengung sind nicht die Echtheitszeichen eines Christen. Glücklich sind wir, wenn wir erkennen, daß unsere Verantwortung darin besteht, den Menschen Gottes unerschaffenes Leben zu bringen.
Wenn ich daran denke, wie sehr mich der Feind zu hindern suchte, die praktische Erfahrung der im dritten Band enthaltenen Wahrheiten zu machen, so kann ich nicht anders, als besorgt sein › daß einige, obschon sie das Buch besitzen, vom Satan gehindert werden, es zu lesen, oder wenn sie es lesen, er sie versucht, dies schnell wieder zu vergessen. Ich möchte daher meine Leser ermahnen, Gott zu bitten, daß er Satan wehre, sie am Lesen zu hindern. Bete, während du liest, mache aus dem, was du liest, ein Gebet. Bitte, daß Gott dich mit dem Helm des Heils bedecke, damit du nicht vergißt, was du liest oder nur deinen Verstand mit unzähligen Theorien füllst.
Dann habe ich noch ein paar Worte an jene zu richten, die die Wahrheiten bereits besitzen, die auf den folgenden Seiten enthalten sind. Wenn Gott euch in seiner Gnade vom Fleisch und von der Macht der Finsternis erlöst hat, dann solltet ihr diese Wahrheiten anderen weitersagen. So werdet ihr, nachdem ihr das Buch völlig in euch aufgenommen habt, einige Gläubige um euch versammeln und sie diese Wahrheiten ebenfalls lehren. Wenn es zuviel ist, das ganze Buch durchzunehmen, so wird auch schon das Studium von einem oder zwei Teilen einen inneren Gewinn bringen. Es ist meine Hoffnung, daß die hier aufgezeigten Wahrheiten nicht unbeachtet bleiben.
Nun liegt diese Arbeit in Gottes Hand. Möge er sie nach seinem Wohlgefallen segnen zum geistlichen Wachstum und geistlichen Sieg für mich und viele von meinen Brüdern und Schwestern. Möge Gottes Wille geschehen. Möge sein Feind besiegt werden. Möge unser Herr bald wiederkommen, um die Herrschaft anzutreten. Amen.
Shanghai, 4. Juni 1927 Watchman Nee
Zweites Vorwort
Es erfüllt mich mit großer Freude, daß ich den letzten Teil des Buches abschließen konnte. Als ich das erste Vorwort verfaßte, hatte ich nur die ersten vier Teile niedergeschrieben. Mit den sechs letzten Teilen, die nun vorliegen, habe ich meinen Lesern noch manches mitzuteilen, daher ein zweites Vorwort.
Es sind nun viele Monate her, seit ich diesen abschließenden Teil zu schreiben begann. Ich kann wahrhaftig sagen, daß während dieser Zeit die Bürde der Arbeit täglich auf mir lastete. Es ist für den Feind ganz natürlich, die Ausbreitung der göttlichen Wahrheiten zu hassen. Dementsprechend wurde ich auch unaufhörlich angegriffen und bedroht. Gott sei Dank, denn seine Gnade hat mich durchgetragen. Oftmals schien es mir unmöglich, weiterzuschreiben, weil der Druck auf meinen Geist zu stark und die Widerstandskraft zu schwach war, ja, ich verzweifelte manchmal am Leben selbst. Sooft ich aber verzweifeln wollte, wurde ich von dem Gott, dem ich diene, wieder gestärkt › wie er verheißen hat; dazuhaben auch die Gebete vieler geholfen. Jetzt ist die Arbeit abgeschlossen, und ich bin der Bürde entledigt. Welch eine Erquickung für mich!
Heute übergebe ich dieses Buch ehrfurchtsvoll unserem Gott. Da er hinausgeführt, was er begonnen hat, ist mein Gebet, daß er diese Seiten segnen möge, damit sie ihre von Gott gegebene Mission in seiner Gemeinde erfüllen. Ich bitte Gott, jeden Leser zu segnen, damit er den geraden Weg finde und dem Herrn vollkommen nachzufolgen lerne. Mein Geist und mein Gebet begleiten dieses Werk. Möge Gott es nach seinem vortrefflichen Willen gebrauchen.
Brüder, es wird für klug erachtet, wenn ein Schriftsteller nicht zuviel Begeisterung für sein eigenes Werk zeigt, ich aber will heute diesen althergebrachten menschlichen Grundsatz mißachten. Jedoch nicht, weil ich dies Buch geschrieben habe, sondern wegen dem Wahrheitsgehalt des Buches. Hätte es ein anderer geschrieben, wäre ich freier, die Menschen darauf aufmerksam zu machen. Ich muß euch daher um Nachsicht bitten. Ich weiß um die Wichtigkeit der darin enthaltenen Wahrheiten, und soweit ich den Willen Gottes zu erkennen vermag, braucht gerade unsere Zeit diese Wahrheiten. Ich hatte nicht im geringsten die Absicht, diese Aufgabe zu übernehmen, sondern schrieb nur, weil ich vom Herrn dazu beauftragt wurde. Die Wahrheiten auf diesen Seiten stammen nicht von mir; Gott hat sie mir geschenkt. Ja, selbst während ich schrieb, beglückte er mich mit neuen Segnungen.
Ich wünsche meinen Lesern ein gründliches Verständnis dafür, daß diese Arbeit in keiner Weise eine Abhandlung über die Theorie des geistlichen Lebens und Kampfes ist. Ich kann selbst bezeugen, daß ich diese Wahrheiten durch viel Leiden, Prüfungen und Fehler lernte. Man könnte beinahe sagen, daß jeder einzelne dieser Lehrsätze durch Feuer eingebrannt wurde. Das sind nicht leichtgewählte Worte, sie kommen aus tiefstem Herzen.
Beim Zusammenstellen der Bände habe ich nicht versucht, gleiche und verwandte Grundsätze zusammenzufassen. Ich habe sie einfach da erwähnt, wo es nötig wurde. Im Hinblick auf ihre äußerste Wichtigkeit mag ich die eine oder andere Wahrheit mehrmals berührt haben in der Hoffnung, daß die Kinder Gottes sich diese dabei besser einprägen. Nur durch Wiederholen vermögen wir die Wahrheit im Gedächtnis zu behalten, und nur durch erneutes Durcharbeiten werden wir sie lernen.
Ich weiß, daß dieses Buch manche scheinbaren Unvereinbarkeiten enthält, ich möchte aber dem Leser sagen, daß sie in der Tat nur scheinbar und nicht wirklich bestehen. Da das Buch Dinge des geistlichen Bereiches behandelt, kann es nicht anders sein, als daß scheinbare theoretische Widersprüche auftreten. Geistliche Dinge scheinen oft widersprüchlich zu sein (2.Kor. 4,8.9). Die praktische Erfahrung wird sie in vollkommene Übereinstimmung bringen. Obschon es also Stellen geben wird, die der Logik zu trotzen scheinen, möchte ich doch bitten, sich ernstlich um Verstehen zu bemühen. Sollte es jemand falsch verstehen wollen, so kann er sehr wohl in diese Zeilen hineinlesen, was ich nicht beabsichtigte.
Ich bin davon überzeugt, daß nur eine bestimmte Gruppe von Menschen dieses Buch wirklich verstehen wird. Meine ursprüngliche Absicht war, dem Mangel vieler Gläubigen zu begegnen; so werden offensichtlich nur jene, die einen Mangel haben, dieses Buch zu schätzen wissen. Für sie wird es ein wegweisendes Handbuch sein. Andere werden diese Wahrheiten als Ideale betrachten oder sie als unpassend kritisieren. Dem Maß des Bedürfnisses entsprechend wird der Gläubige aber verstehen, was hier geschrieben steht. Ohne daß der Leser eine persönliche Not hat, wird er auch durch das Lesen dieser Seiten keine Hilfe finden.
Je tiefer die Wahrheit, desto leichter wird sie zur Theorie. Ohne das Wirken des Heiligen Geistes wird niemand in tiefere Wahrheiten eindringen. So werden manche Leser diese Grundsätze als eine Art Ideal behandeln. Wir wollen daher das, was dies Buch lehrt, nicht nur mit dem Verstand aufnehmen und meinen, die Lehren bereits zu besitzen. Das ist eine große Gefahr, denn die Täuschung, die vom Fleisch und vom Bösen herkommt, wird Tag für Tag größer.
Der Leser sollte auch die aus diesem Buch gewonnene Erkenntnis nicht dazu mißbrauchen, andere zu kritisieren. Es ist sehr leicht, zu sagen: dies ist vom Geist und dies vom Fleisch; aber wir selbst bilden auch keine Ausnahme. Die Wahrheit ist dazu gegeben, die Menschen freizumachen und nicht, um Fehler herauszufinden. Mit dem Kritisieren beweisen wir nur, daß wir nicht weniger »seelisch« oder fleischlich sind, als der Kritisierte. Hier besteht eine ernste Gefahr; es ist daher nötig, große Vorsicht walten zu lassen.
In meinem ersten Vorwort erwähnte ich etwas, das verdient, hier wiederholt und sorgfältig herausgearbeitet zu werden. Es ist von äußerster Wichtigkeit, daß wir nie versuchen, uns selbst zu analysieren. Nach dem Lesen dieser Abhandlung könnten wir unsere Selbstanalyse unbewußtübertreiben. Im Beobachten des Zustandes unseres Innenlebens neigen wir dazu, unseren Gedanken und Gefühlen und der Bewegung des inneren Menschen zu viel Beachtung zu schenken. Dies mag zunächst nach rascher Weiterentwicklung aussehen, macht jedoch in Wirklichkeit eine richtige Behandlung des Selbst noch schwieriger. Wenn wir uns beharrlich um uns selbst drehen, werden wir den Frieden völlig verlieren, denn bald entdecken wir, wie sehr unsere Erwartungen dem wahren Zustand widersprechen. Wir glauben mit Heiligkeit erfüllt zu sein, lassen es jedoch an Heiligkeit fehlen. Das schafft uns Unbehagen. Gott erwartet nie, daß wir uns so sehr mit uns befassen, denn dies ist der Hauptgrund für geistlichen Stillstand. Unsere Ruhe liegt im Blick auf den Herrn und nicht auf uns selbst. In dem Maße, in dem wir von uns weg auf ihn schauen, sind wir auch von unserem Ich erlöst. Wir vertrauen auf das vollendete Werk Jesu Christi, unseres Herrn, nicht auf unsere wechselhaften Erfahrungen. Wahres geistliches Leben gründet sich nicht auf unsere Gefühle und Gedanken vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung, sondern auf den Heiland.
Daß doch kein Leser sich verleiten läßt zu glauben, er müsse allen übernatürlichen Erscheinungen widerstehen. Wir haben zu prüfen, ob etwas von Gott ist oder nicht. Ich glaube ganz gewiß, daß viele übernatürliche Erfahrungen von Gott kommen › dessen war ich oft Zeuge.
Dennoch muß ich bestätigen, daß heute viele übernatürliche Phänomene falsch und trügerisch sind. Ich habe nicht die geringste Absicht, jemand zu überreden, alles Übernatürliche abzulehnen. Ich möchte in diesem Buch nur auf den grundsätzlichen Unterschied des Ursprungs dieser beiden Arten von Kundgebungen hinweisen. Wenn ein Gläubiger irgendeinem übernatürlichen Phänomen begegnet, so sollte er es nach den in der Bibel offenbarten Grundsätzen sorgfältig prüfen, bevor er sich zur Annahme oder Ablehnung entschließt.
Was die Seele betrifft, meine ich, daß die meisten Christen von einem Extrem ins andere fallen. Wir betrachten auf der einen Seite Gemütsbewegungen üblicherweise als »seelisch«; dementsprechend klassieren wir jene, die leicht gerührt oder gereizt werden, als »seelisch«. Auf der anderen Seite vergessen wir, daß auch das rationale Denken keineswegs ein Erweis für geistliches Leben ist. Vor diesem Fehlurteil müssen wir uns ebensosehr hüten wie davor, daß wir ein vorwiegend gefühlsbetontes Leben für geistlich halten. Um einen Schritt weiterzugehen, ist aber zu sagen, daß wir die Wirksamkeit der Seele nie zu einer tödlichen Untätigkeit reduzieren dürfen. Früher haben wir uns vielleicht über unser »seelisches« Empfinden und Aufgeregtsein in keiner Weise Sorgen gemacht und haben dementsprechend gelebt. Später jedoch, als wir unsere früheren Fehler erkannten, gingen wir dazu über, diese Gefühlsbewegungen gänzlich zu unterdrücken. Diese Haltung mag uns sehr gut erscheinen, macht uns aber auch nicht ein bißchen geistlicher. Ein wenn auch noch so kleines Mißverständnis an diesem Punkt wird zu einem »toten Leben« führen. Warum? Weil der Geist, der keine Gelegenheit hat sich auszudrücken, durch ein ertötetes Gefühl eingeschlossen ist. Darüberhinaus bringt dies die Gefahr mit sich, daß sich der Gläubige im übertriebenen Unterdrücken seines Gefühls schließlich zu einem vernunftmäßigen und nicht zu einem geistlichen Menschen entwickelt, und er damit, wenngleich in anderer Form, dennoch »seelisch« bleibt. Die Erregung der Seele aber, wenn sie des Geistes Empfinden zum Ausdruck bringt, ist äußerst kostbar; und der Gedanke der Seele, sofern er des Geistes Sinn offenbart, kann überaus lehrreich sein.
Nun möchte ich noch zum letzten Teil des Buches etwas sagen. Im Hinblick auf meine körperliche Schwachheit könnte es scheinen, daß ich am wenigsten dazu befähigt wäre, über solch ein Thema zu schreiben. Aber vielleicht gewährt mir gerade diese Schwachheit eine tiefere Einsicht, weil ich mehr unter Krankheit und Schmerzen leide als die meisten Menschen.
Unzählige Male wollte mir der Mut schwinden. Gott aber sei Dank, daß ich imstande war, auch diesen Teil zu beendigen. Ich hoffe, daß jene, die eine gleiche Erfahrung machten mit ihren »irdischen Zelten«, das annehmen, was ich schrieb, um ein wenig Licht aus der Dunkelheit anzubieten, durch die ich gegangen bin. Natürlich wird immer wieder nach der göttlichen Heilung gefragt. Da dies ein Buch ist, das sich in erster Linie mit Grundsätzen befaßt, sehe ich davon ab, auf Argumente von anderen Gläubigen im einzelnen einzugehen. Ich habe in diesem Buch das gesagt, wozu ich innerlich geführt wurde. Ich bitte den Leser, selbst zu beurteilen und zu unterscheiden, was von Gott ist und was vom eigenen Ich kommt.
Ich bekenne, daß in dieser Arbeit viel Unvollkommenes ist, dennoch biete ich euch, nachdem ich mein Bestes getan habe, dieses Beste an. Im Wissen um den Ernst dieser Botschaft bat ich Gott mit Furcht und Zittern, mich recht zu leiten.
Ich bin mir bewußt, daß sich ein Werk, das die List des Feindes aufzudecken sucht, unweigerlich die Feindschaft der Kräfte der Finsternis und die Gegnerschaft vieler zuziehen wird. Ich habe nicht geschrieben, um mir den Beifall der Menschen zu sichern. Ich betrachte diese Gegnerschaft daher als nicht von Bedeutung. Ich kann mir auch vorstellen, daß Gotteskinder, denen durch das Lesen dieses Buches Hilfe zuteil wird, höher von mir denken, als ich es verdiene. Laßt es mich euch ehrlich sagen, daß auch ich nur ein Mensch, ja vielleicht der schwächste aller Menschen bin. Was auf diesen Seiten gelehrt wird, offenbart die Erfahrungen meiner Schwachheiten.
Nun ist das Buch in der Hand der Leser, Das ist allein Gottes Gnade. Falls ihr den Mut und die Ausdauer habt, den ersten Teil durchzuarbeiten und dann mit den anderen weiterzufahren, wird Gott euch vielleicht mit seiner Wahrheit segnen. Solltet ihr bereits das ganze Werk gelesen haben, dann möchte ich bitten, es wieder zu lesen, nachdem eine gewisse Zeit verstrichen ist. Geliebte, laßt uns einmal mehr unsere Herzen unserem Vater zuwenden, um von ihm sein Leben zu erlangen. Laßt uns aufs neue bekennen, daß wir arm sind, er aber reich ist, daß wir nichts haben, er aber alles hat. Ohne seine Gnade sind wir nichts als wehrlose Sünder. Wir wollen ihn daher mit dankbarem Herzen preisen, hat uns doch der Herr Jesus Gnade gegeben.
Heiliger Vater, was du mir anvertraut hast, ist nun hier in diesem Buch. Wenn es dir gut scheint, dann segne es bitte. Bewahre in diesen letzten Tagen deine Kinder vor dem verdorbenen Fleisch und vor bösen Geistern! Vater, erbaue du den Leib deines Sohnes, vernichte die Feinde deines Sohnes und beschleunige du das Kommen des Reiches deines Sohnes! Vater, Gott, ich blicke auf dich, ich werfe mich auf dich und ich verlange nach dir!
Shanghai, 25. Juni 1928 Watchman Nee
Weiter unter:
Der geistliche Christ – Band 1
Der geistliche Christ – Band 2
Der geistliche Christ – Band 3
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