“Schlafen Sie ein mit dem Wort ‘Reichtum’ auf Ihren Lippen, und Sie werden erstaunt sein über die Wirkung. Bald nämlich sollte dann Wohlstand von allen Seiten überreichlich auf Sie zuströmen.“ So ein Rezept von Dr. Joseph Murphy, dem Begründer der Technik des so genannten “Positiven Denkens“. Der Psychotherapeut Günter Scheich behauptet in seinem Buch jedoch: Positives Denken macht krank. Kann das sein?
Gedanken sind ungeahnte Kräfte – doch wir können sie auch missbrauchen
Gute, also positive Gedanken tragen sehr viel zum eigenen Wohlbefinden bei. Das ist allgemein anerkannt. Daneben hat sich jedoch eine umstrittene “Technik” des positiven Denkens entwickelt, die erklärt, wie man gute Gedanken rezept- oder gar schemenartig in verschiedenen Krisensituationen zur Anwendung bringen kann. Vor allem in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs und zunehmender Hiobsbotschaften aus aller Welt hat eine solche Lehre Konjunktur: “Erkenne deine geistige Kraft!”, “Wie man seine Wünsche und Träume erfolgreich verwirklicht”, “Was Sie ersehnen, kommt zu Ihnen”. So lauten einige attraktive Buchtitel.
Natürlich ist eine solche Lehre anziehend. Die Verkünder der Technik des “positiven Denkens” bauen auf die angeblich unbegrenzte Macht des Denkens. Mit seiner Hilfe soll das Unterbewusstsein in positiver Weise beeinflusst werden. Dr. Murphy erklärt: “Ihr Unterbewusstsein führt … alle Befehle aus, die ihm ihr Bewusstsein in Form von Urteilen und Überzeugungen zukommen lässt.” Und: “Denken Sie das Gute, und es wird sich verwirklichen” (aus: “Die Macht Ihres Unterbewusstseins”).
“Was immer Sie denken, vermehren Sie”
Das Unterbewusstsein gilt dabei als unerschöpfliches Kraftpotenzial, das alles schafft, was das Denken ihm befiehlt. Und wer das Unterbewusstsein richtig programmiert, der hat Erfolg. Vertreter dieser Denkrichtung weisen auf die Gesetzmäßigkeit “Was der Mensch sät, das wird er ernten hin” und erklären damit z. B. auch, dass die Reichen reicher, die Armen ärmer, die Kranken kränker und die Erfolgreichen erfolgreicher werden. Und wie soll das vor sich gehen? “Denken Sie an das Gute, und das Gute geschieht. … Merke: Denken ist gleich säen …” So lautet die einfache Botschaft, und die Erfahrung zeigt, dass sie vielfach stimmt.
Die Technik des “positiven Denkens” besteht dabei in erster Linie in einer Art Autosuggestion, in dem In-sich-hinein-Sprechen von positiven Sätzen.
Sowohl dieser Methode als auch die Inhalte werden jedoch von dem Psychotherapeuten Günter Scheich in seinem Buch Positives Denken macht krank (http://www.amazon.de/Positives-Denken-macht-krank-Erfolgsversprechen/dp/382183904X heftig kritisiert: “Die Lehre vom ‘positiven Denken’ definiert sich” laut Scheich “über die unreifen Ziele immerwährenden Glücks, immerwährender Harmonie und Gesundheit, sowie immerwährenden Reichtums. Dieses Heilsversprechen spricht besonders Menschen mit psychischen Problemen an, die durch die unweigerlich eintretenden Frustrationen und falschen Zielvorgaben noch weiter in ihre Krankheit getrieben werden”.
“Eine pseudowissenschaftliche Verdrängungsmethode”?
Günter Scheich nennt das “positive Denken” deshalb eine “pseudowissenschaftliche Verdrängungsmethode”. Unglückliche Menschen seien auf der Suche nach der Lösung ihrer Probleme. Und “zur Erfüllung dieses Ziels sind (leider zu viele) bereit, einfachsten Erklärungsmustern zu folgen und sich dabei einlullen zu lassen – statt sich den Problemen zu stellen …”
Dies sei aber unumgänglich. Denn “die menschliche Psyche ist ein komplexes und differenziertes System … Alle Emotionen – seien sie nun »positiv« oder »negativ« – sind wichtig. Versuche, den natürlichen Gefühlshaushalt zu manipulieren und nur noch »positiv« zu denken und zu fühlen, führen zu einer Verleugnung wichtiger – zum Teil lebenswichtiger – Persönlichkeitsanteile”.
Doch trifft diese Kritik wirklich immer zu? Oder wird das “positive Denken”, das “krank” machen soll, bei ihm nur einseitig dargestellt und seine Schwächen und Gefahren bewusst überzeichnet? Schüttet der Psychotherapeut Günter Scheich nicht das Kind mit dem Bade aus, weil die negative Beurteilung der “positiven Technik” den Blick für die großen Chancen einer positiven Lebenseinstellung und positiver Gedanken verdeckt?
Die Sache mit Gott …
Dass unsere Gedanken Kraft haben und jeder Gedanke – vor allem wenn er wiederholt gedacht wird – zur Verwirklichung drängt, kann jedenfalls niemand ernsthaft bestreiten. Und man kann auch nicht behaupten, dass jeder, der sich im “positiven Denken” übt, Negatives automatisch verdrängen würde.
Natürlich sind kritische Rückfragen unumgänglich. So könnte man fragen: Woher stammt eigentlich die Lebensphilosophie, dass wir uns durch positives Denken z. B. alle unsere ichbezogenen Wünsche erfüllen können? Und mit welchem Recht behaupten viele Vertreter dieser Art von positivem Denken – wie z. B. der ehemalige Pfarrer Norman Vincent Peale -, dies sei gleich bedeutend mit dem “Willen Gottes”?
Hier lohnt es, einmal innezuhalten. Gott kommen wir näher, indem wir Seine Gebote halten. So lehrte es Jesus von Nazareth. Er sprach: “Wer Meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der Mich liebt – und wer Mich liebt, wird von Meinem Vater geliebt werden, und auch Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbaren” (Joh. 14, 21). Anders herum gesprochen: Damit sich Gott bzw. Christus einem Menschen “offenbaren” können, ist es notwendig, dass dieser die Gebote Gottes erfüllt.
Gefahr der Umpolung göttlicher Wahrheiten
Was jedoch passiert, wenn man nur Teilaspekte aus der göttlichen Wahrheit herauslöst und sie für egoistische Zwecke verwendet? Dann missbraucht man die Kräfte und stellt sie in den Dienst einer Sache, die gegen Gott gerichtet ist. Denn Gott ist immer für die Einheit allen Lebens und möchte, dass alle Lebensformen der Schöpfung miteinander harmonieren. Die dämonischen Kräfte jedoch lehren: “Trenne, binde und herrsche!” Wenn ich also etwas für mich will, und, wie es dem Nächsten damit geht, ist mir mehr oder weniger einerlei, dann trenne ich mich von ihm. Wer also, wie wohl fast alle Menschen, nicht frei von Egoismus oder Herrscher-Allüren ist, der sollte zumindest sehr vorsichtig sein, von Gott zu reden.
Dies gilt auch, wenn man den “positiven Denker” Dr. Joseph Murphy einmal hinterfragt, wenn er kühn und munter behauptet: “Ich weiß: Meine Herzenswünsche sind mir von Gott, der in mir wohnt, eingegeben. Gott will, dass ich glücklich bin.” Doch Achtung! Wenn jemand so locker von der Eingabe “Gottes” spricht, ist größte Vorsicht geboten, und es liegt vielfach nahe, dass der Name Gottes missbraucht wird. “Gott will, dass ich glücklich bin”. Dagegen wird kein vernünftiger Mensch etwas einwenden, wenn man es auf alle Menschen und Lebensformen bezieht und es nicht nur auf die Höhen und Tiefen seines bürgerlichen Privatlebens anwendet. Denn Gott bevorzugt bzw. benachteiligt keinen. Somit müsste der Weg zum Glück auch für alle gehbar sein, und nicht nur für Menschen in Ländern, in denen vielfach auf Kosten anderer Länder und Menschen gelebt wird – vom dem Leid der Tiere ganz zu schweigen.
Dieses Glück in Gott, so haben es Mystiker zu allen Zeiten immer wieder erfahren, wäre demnach ein inneres Glück. Sie konnten sogar sagen: Das Leben in Gott ist Reichtum, ist Glück, ist die Erfüllung der menschlichen Sehnsucht. Dieses könne man aber nicht mithilfe einer Technik, sondern nur durch Verwirklichung der göttlichen Gebote Schritt für Schritt erleben. Das Glück in Gott ist also nicht das Haben-, Sein- und Besitzen-Wollen. Deshalb wollte Jesus von Nazareth auch nicht, dass wir nach materiellem Reichtum streben, was bei vielen Vertretern des “Positiven Denkens” aber ein vordringliches Anliegen ist. Er sagte: “Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles [was der Mensch zum Leben braucht] wird euch zufallen.” Wer sich also ehrlich um ein Leben nach den göttlichen Geboten bemüht (und z. B. das Gebot “Bete und arbeite” erfüllt), der wird seine Wünsche in den Willen Gottes stellen. Dann wird ihm auch das nach und nach zukommen, was er für sein Leben braucht und darüber hinaus. So könnte man die urchristliche Botschaft zu diesem Thema zusammenfassen.
Bei Jesus stehen also Gott und die Anliegen des “Reiches Gottes” an erster Stelle, nicht die Wünsche des Einzelnen, was jedoch zu keinerlei Mangelerscheinung führt, im Gegenteil. An anderer Stelle in der Bergpredigt erklärt der Menschheitslehrer aus Nazareth sogar: “Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.” Dabei zeigte Jesus jedoch einen anderen Weg auf als bloßes positives Denken, nämlich die tägliche Arbeit an uns selbst, die allerdings von positiven Gedanken begleitet sein sollte: Durch die Bereinigung der eigenen Fehlhaltungen und durch die Verwirklichung des Gebotes “Was du willst, das die Menschen dir tun, das tue du ihnen zuerst” wird der Mensch innerlich reich und glücklich – so die “Goldene Regel” aus der Bergpredigt von Jesus.
“Und was soll ich jetzt als Nächstes denken?”
Wenn “positives Denken” erfolgreich ist …
Was ist dann aber mit dem Glück, das sich mit Hilfe des “positiven Denkens” durch Erfüllung menschlicher Wünsche einstellen kann? Und wer führt diesen “Erfolg” herbei?
Ist es Gott? Und jemand könnte darauf hin antworten: Warum sollte diese Freude nicht von Gott sein, wenn der Wunsch nicht selbstsüchtig überzogen ist und durch seine Erfüllung niemand zu Schaden kommt? Jesus hat kein zerknirschtes und fanatisches Asketentum gelehrt. Doch kommen “Erfolg” und Wunscherfüllung immer von Gott? Oder können auch andere Kräfte dahinter stehen, die gegen Gott gerichtet sind? Dazu eine These: Gott gibt selbstlos, die gegen Gott gerichteten Kräfte nicht. Sie stellen früher oder später für ihre “Dienste” eine Rechnung, und sei es im Jenseits oder in einer weiteren Inkarnation. Dann heißt es z. B.: “Wir haben dir im letzten Leben zu Ruhm und Ehre verholfen. Jetzt sei du unser Diener und tue für uns dies und das. Sonst werden wir dir unsere Energien entziehen, und dann sieh´ zu, wie du mit deinem erbärmlichen Leben klar kommst!” Und das kann bedeuten: Wer seine Gedankenkräfte z. B. rücksichtslos für eigensüchtige Zwecke eingesetzt hat, muss seinen “Gewinn” irgendwann bei denen zurückzahlen, die ihm durch ihre Energien dabei geholfen haben. Da hilft dann auch keine Technik des positiven Denkens mehr.
Diese hier als These dargelegten Zusammenhänge können wir zwar nicht beweisen. Aber manche Propheten und wahre Gottesboten haben in den letzten Jahrhunderten so oder so ähnlich darauf hingewiesen.
Echtes positives Denken ist selbstlos
Die notwendige Kritik an der Technik des “positiven Denken” stellt jedoch, wie bereits angedeutet, nicht den Wert einer positiven Grundeinstellung im Leben und von wirklich positiven Gedanken in Frage. Innere Werte wie Vertrauen, Zuversicht und innere Stärke sind Gaben Gottes. Sie wachsen in uns durch die Bereinigung des Menschlich-Allzumenschlichen und durch die schrittweise Erfüllung der göttlichen Gebote. Dabei hilft einem das Wissen, dass alle für uns erstrebenswerten positiven Charaktereigenschaft bereits in uns selbst angelegt sind. Dieses Positive in uns wächst auch, wenn wir das Gute in unserem Nächsten bejahen und ihm wohlwollend gegenübertreten – vor allem dann, wenn wir mit ihm Probleme haben. Denn wer das Gute in seinem Nächsten bejaht, erweckt es zugleich in sich selbst.
Eine wichtige Hilfe kann deshalb auch folgende Gedankenstütze sein: “In jedem Negativen ist das Positive”. Denn Gott ist mit Seiner Kraft überall gegenwärtig. Auch im so genannten Schicksal, auch in der Krankheit, die wir uns letztlich durch falsches Denken und Handeln irgendwann selbst eingegeben haben. Wenn wir uns Ihm zuwenden, kann Er uns aufzeigen, was unser Anteil daran ist und wo wir unser Verhalten gegenüber dem Nächsten oder der Natur ändern sollten, um freier und glücklicher zu werden.
Das Unterbewusstsein ist nicht das Göttliche
Eine gravierendes Missverständnis der Technik des “positiven Denkens” liegt in der Annahme, das Unterbewusstsein, das ganz wesentlich unser Verhalten (mit-)steuert, sei schon die Quelle der Kraft, sei sozusagen das Göttliche. Das Unterbewusstsein ist jedoch erst eine Art Vorhof unserer Seele, in der das Göttliche und damit die Quelle der Kraft in uns wohnt. Und im Unterbewusstsein tummeln sich auch das Verdrängte, die ungelösten Konflikte sowie traumatische Kindheitserlebnisse, Aggressionen, Ängste und Süchte. Und ist dieses Negative gravierend, so ist dies vielfach auch in der Seele selbst gespeichert und wartet darauf, dass wir es mit Gottes Hilfe aufarbeiten.
Unsere Aufgabe besteht also darin, uns die Inhalte des Unterbewussten und – eine Etage tiefer – der Seele schrittweise bewusst zu machen und sie zu bereinigen – durch Erkennen, Bereuen, Um-Vergebung-Bitten und Nicht-mehr-Tun. Durch diese Bereinigung wächst die Kraft des Guten, das Göttliche in uns.
Was steckt hinter dem Gedanken?
Die Inhalte von Seele und Unterbewusstsein sind jedoch oftmals negativ, obwohl wir uns z. B. um eine positive Lebenseinstellung bemühen. Ein geistiges Gesetz lautet: “Was der Mensch aussendet, das empfängt er wieder” oder “Was der Mensch sät, das wird er ernten”, wie es auch die Vertreter der Technik des “Positiven Denkens” lehren. Doch entscheidend ist dabei nicht der Gedanke an sich, sondern sein Inhalt, d. h. die innere Einstellung bzw. das Gefühl, das wir in den Gedanken hinein legen. Dieses ist maßgeblich und ist damit unser Sendepotenzial bzw. unsere “Saat”, nicht die Gedanken an sich, von denen viele vordergründig “positiv” sein mögen. Doch was steckt jeweils hinter den “positiven” Gedanken? Vielleicht sind deshalb so manche Menschen mit der Anwendung dieses Denkens gescheitert und haben eher das Gegenteil erreicht, worauf der Psychotherapeut Günter Scheich ja eindringlich hinweist – weil sie eben nur oberflächlich “positiv” waren und nicht das darunter liegende “Negative” anschauen wollten.
Ist unsere Einstellung nämlich ichbezogen oder gegen den Nächsten gerichtet, dann können wir noch so intensiv positiv denken: über kurz oder lang würden wir dennoch das Ichbezogene oder das gegen unseren Nächsten Gerichtete ernten, also z. B. Zwietracht, Neid, Hass oder Feindseligkeit. Ist der Inhalt unserer positiven Gedanken jedoch selbstlos, d. h. im Einklang mit der Ethik des Jesus von Nazareth, dann kann uns Gott helfen, auch als Mensch glücklich zu werden. Das wäre dann wirklich “positives Denken”, das auch die entsprechenden guten Früchte erntet.
Dieser Artikel erscheint hier in der im Jahr 2005 überarbeiteten Fassung.Quelle:http://www.das-weisse-pferd.com/97_10/positives_denken.html